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Geschichten

Der Schüler fragt seinen Meister, der beim Volk

 und den Königen für seine Weitsichtigkeit und

Weisheit bekannt ist: "Meister, was hilft mir dabei,

glücklich zu sein? Was hilft mir dabei, meinen Weg

 zu gehen, voller Kraft und Stärke? Was bringt mir

Wohlstand, Liebe, Sicherheit und inneren Frieden?"

Und der Meister sagt:

"Achte auf deine Gefühle. Ohne sie zu bewerten. Jeden Tag.

Achte auf deine Gedanken. Ohne sie zu bewerten. Jeden Tag.

Achte auf deine Handlungen. Ohne sie zu bewerten. Jeden Tag.

Achte auf deine Bedürfnisse. Ohne sie zu bewerten. Jeden Tag.

Sei bei dir. Und der Rest kommt von alleine."

 


 

Die Wahrheit des eigenen Lebens entdecken

Je weniger jemand mit sich im Reinen ist, desto mehr wird er bestrebt sein, vor sich davon zu laufen. Daher sieht man allenthalben gerade die innerlich Zerrissensten und mit sich am meisten Unzufriedenen damit befasst, die Umstände, in denen sie leben, und die Menschen, mit denen sie leben, als reformbedürftig hinzustellen und Pläne zur Änderung des bestehenden und für sie so unerträglichen „Systems“ zu erarbeiten... Wer ernsthaft bemüht ist, irgendein Problem des menschlichen Lebens zu entwirren, kommt nicht umhin, statt beim Anderen, bei sich selber anzufangen und dort, im eigenen Herzen, nach dem Rechten zu schauen; und umgekehrt: nur derjenige wird etwas Rechtes zu sagen haben, der gelernt hat, in sich selbst ein wenig Ordnung zu schaffen.

Das Allerschwierigste in unserem Leben ist daher zugleich das Allernötigste: die Flucht zu anderen aufzugeben und den unerbittlichen, den schrecklichen Moment der Einsamkeit zu akzeptieren, in dem es allein möglich ist, sich ohne Verstellungen und Ablenkungen von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu treten. Um die Wahrheit des eigenen Lebens kennenzulernen, müssen die fremden Stimmen zum Schweigen gebracht werden. Nicht was die anderen meinen und raten, loben oder tadeln, sondern was wirklich in uns liegt, entscheidet.

Eugen Drewermann aus „Zeiten der Liebe“

 


 

Neben uns allen

Neben uns allen stehen Menschen
die unsere ausgestreckte Hand brauchen
unsere bewusste Wahrnehmung.

Gleichzeitig ist nichts wichtiger
         für diese Menschen,
als Ihren Weg ohne uns zu finden,
selbst Ihr Schicksal in die Hand zu nehmen
         und die Gestalt ihres Lebens
aus ihrem Durcheinander zu entwickeln.

Beides ist wahr,
weder das eine noch das andere darf vergessen werden.

Auch du bist einer, der neben jemanden steht,
         und gleichzeitig steht jemand neben dir.
Du bist der oder die mit der ausgestreckten Hand,
und gleichzeitig streckt jemand dir die Hand entgegen.

Es gibt keinen Heiler,
         der nicht selbst Heilung bedarf.
Und jeder der geheilt wird, heilt auch dabei.

Leben wirkt immer durch eine Rundumberührung
        aller dreihundertsechzig Grade des Kreises.

(aus: was uns verbindet von Ulrich Schaffer)

 


 

Ich wünsch Dir was! 

Ich wünsche Dir Augen,
die die kleinen Dinge des Alltags
wahrnehmen und ins rechte Licht rücken;
ich wünsche Dir Ohren, die die Schwingungen
und Untertöne im Gespräch mit anderen aufnehmen;
ich wünsche Dir Hände, die nicht lange
überlegen, ob sie helfen und gut sein
sollen;
ich wünsche Dir zur rechten Zeit
das richtige Wort;
ich wünsche Dir ein liebendes Herz,
von dem Du Dich leiten lässt.
Ich wünsche Dir: Freude, Glück,
Zuversicht, Gelassenheit, Demut;
Ich wünsche Dir Güte –
Eigenschaften, die Dich das werden
lassen, was Du bist
Und immer wieder werden willst –
Jeden Tag ein wenig mehr.
Ich wünsche Dir genügend Erholung
und ausreichend Schlaf,
Arbeit, die Freude macht,
Menschen, die Dich mögen
und bejahen und Dir Mut machen;
aber auch Menschen,
die Dich bestätigen,
die Dich anregen,
die Dir Vorbild sein können,
die Dir weiterhelfen,

wenn Du traurig bist
und müde
und erschöpft.

Ich wünsche Dir viele gute Gedanken
und ein Herz,

das überströmt in Freude
und diese Freude weiterschenkt. 

Irisches Segensgebet

 

 


Herr, lehre mich die Kunst der kleinen Schritte

—Antoine de Saint-Exupéry

Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um die Kraft für den Alltag. Lass mich immer wieder herausfinden aus dem täglichen Trott, aus dem ermüdenden Einerlei und Vielerlei, aus Angst und Langeweile. Zu mir selbst möchte ich finden. Hilf mir dazu!

Bewahre mich vor der kindischen Angst, ich könnte das Leben versäumen und "leben", ohne das Leben zu erleben. - Es kommt ja nicht darauf an, dass ich erfolgreich, sondern dass ich gesegnet bin.

Gib mir nicht, was ich wünsche, sondern was ich brauche. Das weißt Du allein. Lass mich erkennen, dass Träume nicht weiterhelfen, weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft.

Hilf mir, das Nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.

Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsste im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, wodurch wir wachsen und reifen, um unser Leben zu meistern.

Schenke mir eine Portion Misstrauen gegen mich selbst; keiner kann die Hand für sich ins Feuer legen. Erinnere mich in kritischen Minuten daran, dass das Herz oft gegen den Verstand streikt.

Ich möchte mich nicht beeinflussen lassen vom Gerede der Leute, alles sehen und vieles übersehen. Gib mir die Kraft dazu.

Halte mich fest, wenn ich versucht bin, bitter oder verbittert zu werden. Schicke mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, die Wahrheit in Liebe zu sagen. Gib mir die tägliche Wachsamkeit für Leib und Seele, eine Geste deiner Barmherzigkeit, ein gutes Wort, ein freundliches Echo und wenigstens hin und wieder das Erlebnis, dass man noch gebraucht wird.

Ich weiß, dass sich viele Probleme dadurch lösen, dass man etwas tut.

Gib, dass ich warten kann. Ich möchte dich immer aussprechen lassen. Das Wichtigste im Leben sagt man nicht sich selbst, es wird einem gesagt.

Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschäft des Lebens gewachsen bin. Ich möchte trösten, aber bewahre mich vor der Gefahr, dass ich andere nur vertröste. - Ich möchte das nötige Stehvermögen haben, um Haltlosen Kraft zu bieten.

Herr, gib mir die Kraft, die Kunst der kleinen Schritte für heute zu lernen.

Aus: "Die Stadt in der Wüste"